„Masel tov” erforscht die Vertrautheit im Fremden und das Fremde in uns selbst.
Ein außergewöhnliches Buch, mutig und humorvoll zugleich.


– Deborah Feldman, Autorin des Bestsellers Unorthodox –


Sechs Jahre lang begleitet die Studentin Margot die Kinder der jüdisch-orthodoxen Familie Schneider: Sie gibt Nachhilfestunden und Radfahrunterricht, tröstet in Krisensituationen und hat stets ein offenes Ohr. Besonders durch den engen Kontakt zu Tochter Elzira und Sohn Jakov bekommt Margot so immer tiefere Einblicke in eine verschlossene Welt, deren strenge Gebote und jahrhundertealte Traditionen sie faszinieren und zugleich befremden. Auch als die Kinder das Elternhaus verlassen, bleibt sie der Familie tief verbunden.
In diesem Buch erzählt Margot die Geschichte dieser besonderen und manchmal auch schwierigen Verbindung – und liefert ein bewegendes Plädoyer für Offenheit und Toleranz.

J.S. Margot ist das Pseudonym der flämischen Autorin Margot Vanderstraeten. Sie studierte in den 90er-Jahren Französisch und Spanisch in Antwerpen und ist seitdem als Journalistin und Buchautorin tätig. Vanderstraeten hat bereits zahlreiche erfolgreiche Romane veröffentlicht. Masel tov (Originaltitel Mazzel tov) ist in Belgien und den Niederlanden ein großer Bestseller.

Es dürfte am Monatsanfang gewesen sein. Das neue Studienjahr hatte noch nicht begonnen, und ich kam gerade erleichtert von der Wiederholungsprüfung in spanischer Grammatik. Ich lief durchs Foyer des Universitätsgebäudes, ging an den Wandbänken vorbei, auf denen unzählige Studenten quatschten und rauchten, und steuerte die Mensa an. Der Flur zur Mensa war spannender als viele Seminare. Überall an den Wänden Schwarze Bretter mit aufregenden Aushängen: „Wer tauscht seinen Vermieter gegen meinen?", „Kommt jemand mit nach Barcelona? Ein Platz ist noch frei, allerdings nur unter gewissen Bedingungen. Ruf mich an!" Und „Schlafsack kostenlos abzugeben an denjenigen, der mit mir reinkriechen möchte."

Ein Bereich war der Arbeitsvermittlung des Studentenwerks vorbehalten.Wenn man sich für einen der Jobs interessierte, die in der abschließbaren Plastikvitrine aushingen, ging man mit der entsprechenden Kennziffer in das wenige Meter weiter gelegene Büro. Dort erzählte einem eine Sozialarbeiterin mit tiefen Stirnfalten alles was man dazu wissen musste. Meist lief es darauf hinaus, dass sie einem Name, Adresse und Telefonnummer des Arbeitgebers aushändigte, lauthals über ihren langweiligen Job jammerte und einem viel Glück bei der Bewerbung wünschte.

Das Studentenwerk hatte mir in den letzten zwei Jahren bereits einige befristete Jobs besorgt – von Zimmermädchen über Waschpulver-„Hostess" und Headhunter-Assistentin bis hin zu Museumsaufsicht.

Als ich die handgeschriebene Stellenanzeige „Student(in) gesucht, die vier Kindern (zwischen acht und sechzehn) täglich Nachhilfe gibt und bei Erledigung der Hausaufgaben anleitet" entdeckte, notierte ich mir die dazugehörige Kennziffer sofort auf die Handinnenfläche. Eine Stunde später bekam ich vom Studentenwerk alle nötigen Angaben zur Familie, die ich hier nur „die Schneiders" nenne, auch wenn sie in Wirklichkeit anders hießen. Ihr Nachname klang allerdings ebenfalls deutsch.

Die Schneiders, so die Sozialarbeiterin, seien Juden, was jedoch eigentlich kein Problem darstelle. Und wenn doch könne ich jederzeit wiederkommen – vielleicht lasse sich ja gemeinsam eine Lösung finden? Versprechen könne sie mir allerdings nichts, bei diesen Leuten wisse man nie so genau, wusste sie dann doch zu berichten. So wie sie auch wusste, dass mir die Schneiders sechzig Belgische Franc pro Stunde zahlen würden. Das sei zwar nicht viel, aber auch nicht wenig: Juden, gab sie mir noch mit auf den Weg, seien in Geldangelegenheiten so ähnlich wie Niederländer.

Als ich sie daraufhin erstaunt ansah, schaute sie wenn möglich noch erstaunter zurück: „Warum, glauben Sie, sind auf dieser flämischen Dolmetscherschule sonst so viele Niederländer? Weil sie preiswert ist, aber renommiert. Sobald die Leute ihr Diplom haben, gehen sie wieder in ihre Heimat zurück. So gesehen bilden wir hier unsere direkte Konkurrenz aus. Zum Glück erhält die Uni Fördermittel pro Student. So gesehen hat ihre Anwesenheit auch Vorteile. Aber was ich eigentlich sagen will, ist Folgendes: Lassen Sie sich nicht übers Ohr hauen. Willigen Sie nicht in unbezahlte Probezeit ein. Selbst wenn Sie nach einer Woche beschließen sollten aufzuhören, müssen Ihnen die bereits geleisteten Stunden bezahlt werden."

Während ich die vor sich hinplappernde Sozialarbeiterin anschaute, überschlug ich grob, dass ich sechshundert Franc die Woche verdienen konnte, zweieinhalbtausend im Monat. In einer Zeit, in der die Monatsmiete einer Studentenbude um die sechstausend Franc kostete, war das nicht zu verachten.